Anton Kirchmaier zu Gast

Eine vielschichtige Künstlerpersönlichkeit: Anton Kirchmair zu Gast am Gymnasium

 

Ein Künstler in des Wortes umfassender Bedeutung trat im Dezember vor den Oberstufenschülern des Gymnasiums auf: der aus München stammende, in der Gemeinde Haidmühle beheimatet Maler und Grafiker Anton Kirchmair (Jahrgang 1943). Er schreibt auch anspruchsvolle Text und vertreibt die Kunstwerke in Auflagehöhen von 50 Stück auf Buchmessen, letztens auf der München Literaturmesse, als Selbstverleger.

Am Gymnasium erwies sich Kirchmair als vielseitiger Künstler und bot den Schülern ein abwechslungsreich-anspruchsvolles Programm, in das beim gemeinsamen Singen alle miteinbezogen wurden. So war „Schwarzbraunes Maderl“ (von Kirchmair auf der Gitarre begleitet) ein Wechselgesang, in dem ein junger Mann (hier: der Chor der 80 Schüler der Oberstufe) um seine Angebetete (80 Oberstufenschülerinnen) herzzerreißend wirbt, bis er schließlich in ihre „Bettstatt“ kommen und ihre „Füaß“ wärmen darf. Im Bayerischen kennt man das Genre: Das Fensterln-Motiv im Schnaderhüpfel-Modus.

Im Mittelpunkt von Kirchmairs Programm stand die Lesung der Erzählung „Groß war ich gleich“ oder „Zwölfhundert Gramm“. Schon von der Aufmachung her ist dieses Werk außergewöhnlich: Inhaltlich ist es ein Buch. Aber es ist sozusagen verpackt in einer wertvollen Kassette aus Ahornholz, ähnlich einem Karteikasten. Das im Jahre 2012 auf der Frankfurter Buchmesse präsentierte Werk besteht aus 130 Einzelblättern mit insgesamt 1300 Wörter. Die Platzierung der Textteile entspricht einem Frage-Antwort-Spiel. Links auf der Vorderseite die Fragen, rechts auf der Rückseite der beidseitig bedruckten Blätter die Antwort. Und so ist das Auge des Schriftstellers ständig unterwegs, wandert von links nach rechts, um nach dem Umblättern wieder die Seite zu wechseln: Textrezeption mittels Augenbewegungen.

Inhaltlich geht es in der Geschichte um einen jungen Mann, einen Boxer und Mopedfahrer, der zu den „Begehrtesten seiner Zeit“ gehört. Die Handlung ist kurz nach dem Ende des 2. Weltkrieges zu datieren. Eines Tages tut der Protagonist Ungeheuerliches, er tötet einen Menschen. “Ein Protokoll“ nennt Kirchmair die Erzählung, verstörend-bewegend kommt sie daher, die Grenze zwischen Fiktion und Realität bleibt irritierend schwebend und hinterlässt die Oberstufenschüler ratlos und verunsichert, lässt sie nach Deutungsansätzen suchen. Nicht nur „Der Rest bleibt Geheimnis“.

 

Karl Riesinger